:::: vor- & nachlese in einem: wikipedia, mehr als wikipedia. frauen, mehr als frauen

27 Jan

“wikipedia, mehr als wikipedia. frauen, mehr als frauen” war mein gedanke, als ich zum neujahrsempfang kölner und bonner frauennetzwerke eingeladen wurde. das wurde dann auch der titel meines kleinen einführenden ritts durch die wikipedia.

vorlese :::: wikipedia ist zumindest in unseren breitengraden zur anlaufstelle oder zumindest zum eintrittspunkt für unser gemeinsames wissen geworden und zugleich ist sie eines der wenigen erfolgreichen nicht-profitorientierten projekte im world wide web. sie rangiert unter den weltweit 10 meistbesuchten websites. unter den top-50-seiten ist wikipedia die einzige non-profit-seite. danach kommt erst die BBC-homepage auf platz 57.

zurück zur wikipedia: ziel der mehr als 280 Sprachversionen umfassenden online-plattform ist es, eine frei bearbeitbare, frei zugängliche enzyklopädie unter einer freien lizenz zu schreiben. die festlegung auf dieses ziel wurzelt in den ersten beiden entstehungsjahren von wikipedia. als 2001 user der wikipedia bedenken hinsichtlich einer kommerziellen nutzung äußerten, migrierte die plattform just 2002 von der dot-com zur dot-org-domain. allerspätestens seitdem zeigt sich in den selbstbeschreibungen wikipedia als freie enzyklopädie.

vor ein paar tagen ist wikipedia nun 13 geworden: am 15. Januar 2001 ist die englischsprachige wikipedia online gegangen, etwa zwei monate ging es dann auch auf deutsch los. happy birthday! 13 jahre. wikipedia. wikipedia das sind wir – die user und userinnen, egal, was wir tun – auch wenn wir sie nur nutzen, um etwas nachzuschauen, machen wir wikipedia doch zu dem, was sie heute ist.  was sie ist?

noch vor ein paar jahren lautete die antwort schlicht und einfach: „eine online-enzyklopädie.“  punktum. viele fanden wikipedia spannend, weil man sich fragte, ob offenheit und qualität zusammenpassen. „kann denn etwas gut und seriös sein, wo jede und jeder mitschreiben kann?“ so gab es sie, die studien (guckt z. b. hier oder hier), die wikipedia verglichen mit sogenannten herkömmlichen nachschlagewerken und auch die medien titelten schlagzeilen wie „Vergleichstest: Wikipedia schlägt Brockhaus“. seit dem letzten sommer heißt es, dass wikipedia die print-enzyklopädien nun endgültig abgelöst hat. die diskussion um offenheit versus qualität scheint im öffentlichen diskurs der vergangenheit anzugehören (auch wenn wikipedianer_innen hier versucht sein mögen, reflexiv und laut “nein” zu rufen).

jetzt kreist der aktuelle diskurs angesichts sinkender autor_innenzahlen vielmehr um das spannungsfeld von offenheit versus geschlossenheit. so schreibt etwa leonhard dobusch, u.a. auch blogger bei netzpolitik.org: „Mit dem Erfolg von Wikipedia hat sich auch die Kritik an ihr geändert, ja paradoxerweise ins Gegenteil verkehrt. Nicht übermäßige Offenheit, sondern mangelnde Offenheit gilt heute als größtes Problem von Wikipedia.“ dobusch geht sogar so weit wikipedias anspruch als digitale inklusionsutopie zu beschreiben.

dass sich der diskurs geändert hat, zeigt, dass wikipedia eben nicht einfach nur eine online-enzyklopädie ist, sondern mehr. sie ist auch ein experiment von freier software und open culture, auch eine soziotechnische community tausender freiwilliger, auch ein welt- und kulturumspannendes kollaborationsprojekt – eben auch ein wirkliches wunder und ein gelebte utopie von inklusion.

ich glaube nämlich, dass der begriff der digitalen inklusionsutopie richtig ist. wo menschen zusammenkommen, gibt es immer inklusion und exklusion. das ist macht. und zugleich kann frei nach hannah arendt im „zwischen“ der menschen etwas neues begonnen, etwas neues geschaffen werden. macht ist beides: positiv und negativ. assoziativ und dissoziativ.

wir sollten also von der inklusionsutopie ausgehen und hier und jetzt fragen: was kann ein projekt im spannungsfeld von inklusion und exklusion für offenheit tun? welche offenheit für was oder wen? dahinter liegt die hoffnung – zumindest in einem papier von wikimedia deutschland – verborgen, dass offenheit zu diversität führt, konkret zu wissensdiversität, rollendiversität und soziodemographischer diversität. soziodemographische diversität meint auch gender.

damit stecken wir schon mitten in einer der jüngeren debatten, die sich an der schwammigen zahl 8,5 aufhängt. ein survey der wikimedia foundation von 2011 geht von 8,5 % frauen aus, die sich in der wikipedia beteiligen. in der deutschsprachigen wikipedia wird der frauen-anteil auf ca. 8% geschätzt. geschätzt –  denn so richtig kann niemand aufgrund von selbstauskünften wissen, wie viele frauen tatsächlich in der wikipedia mitmachen.

zugleich gibt es viele frauen im wikipedia-universum, und ja auch welche, die öffentlich sichtbar sind. wie etwa die kanadische journalistin sue gardner, ehemalige geschäftsführerin der wikimedia foundation, die vom forbes magazin 2012 zu einer der world’s 100 most powerful women  gekürt wurde. aber trotzdem bleibt die schwammige zahl von 8,5 %.

mit dem geringen frauenanteil steht wikipedia nicht alleine da. nach einem survey (2002) sollen sich  nur ca. 1,1% frauen an der entwicklung von freier software und open source beteiligt haben, wobei die zahlen seitdem gestiegen sind. damit nicht genug: im letzten jahr hat joseph reagle einen aufsatz veröffentlicht mit dem titel: „Free as in sexist? Free culture and the gender gap“. er hat einen zeitraum von neun jahren untersucht und sich auf über 200 primärquellen gestützt. und was dachte er danach über die freie von open source und culture? in seinem fazit warnt er davor, dass in communities der free-culture-bewegung wie wikipedia oder ubuntu ideen wie freiheit und offenheit von bestimmten power-usern genutzt werden, um den gender gap auf eine frage individueller wahlfreiheit und persönlicher vorlieben zu reduzieren.

zugleich geht es aber auch um mehr als um frauen. es geht um netzkultur. es geht um die gestaltung von kulturell offeneren räumen. es geht um eine differenz anerkennende diskussions- und fehlerkultur. ja, es geht auch um zugang zu rückzugsräumen für diejenigen, die diese – aus welchen gründen auch immer – brauchen. genau diese diskussion wird nicht erst seit gestern in der wikipedia geführt, jetzt bekommt sie auch außerhalb der wikipedia mehr raum.

nachlese :::: auf dem podium saßen die langjährige wikipedia-autorin elke wetzig und die freie mitarbeiterin der wikimedia foundation silvia stineker, die das projekt ‘women edit’ begleitet und koordiniert. damit standen vor allem ganz praktische tipps wie der relevanzcheck im zentrum.

gender – hier gab’s den aufruf, selbst auf eine gendersensible sprache zu achten. ada lovelace stehe z. b.  auch in der wikipedia als programmiererin und nicht als programmierer. klar sei gender nicht für die ganze deutschsprachige community ein thema, aber jede_r könne eben mitmachen und es gebe initiativen, v.a. vom verein wikimedia unterstützt, die sich diversität und gender annehmen. mir hat es gefallen, dass eine pragmatische sichtweise vorherrschte, die anderen frauen mut machen wollte, mitzudiskutieren, mitzuschreiben und dies mit weiblichen benutzerinnennamen. auch wenn es nun vielleicht so klingt, dass das  pragmatische “anyone can edit” in der diskussion der kritik von reagle nahe kommt, ist dies m. e. nicht der fall.

die beiden wikipedianerinnen bzw. wikmedianerinnen engagieren sich auf ihre weise, informell für newbies oder eben institutionell für “women edit”, wobei es beiden um eine willkommenskultur geht. von der bot-these – dass bots weniger raum für eher trivale aufgaben ließen, die als eintrittspunkte für neulinge wichtig seien – hielt elke wetzig wenig, denn: in der deutschsprachigen wikpiedia sei der bot-anteil sehr gering. dagegen wurde der einwand geteilt, dass es bestimmte themen schwieriger hätten als andere – z. b. gebe es für vieles, aber längst nicht für alles relevanzkritieren. für letzteres lieferten “einkaufzentren” das beispiel.  aber pssssst, es war den disputantinnen wichtig, themen nicht in weibliche und männliche themen zu unterscheiden oder “wikipedia rosa zu machen”, denn da fange es doch schon an mit der diskriminierung.

an diesem samstag-abend ging es nicht um die großen themen wie freie netzkultur, androzentrismus oder wissenspluralität, sondern um fragen, wo man die diskussionsseite findet, wie man “danke” auf wikipedianisch sagen kann und dass man für frauenbiografien manchmal eben auch in archive gehen muss, da diese biografien historisch nicht so breit belegt sind. und ja, genau da, im kleinen müssen wir eben (auch!) anfangen.

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